KI für KMU: AI Trends und praktische Tipps von 6 Experten für 2022

Veröffentlicht am 2.11.2021 von Rosalia Pavlakoudis

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Das Thema Künstliche Intelligenz (KI) ist seit Jahren aus Diskussionen um die Technologie der Zukunft nicht wegzudenken – ob in der Politik, Wissenschaft oder Wirtschaft.

Einer Umfrage des IT-Beratungshauses Tata Consultancy Services und Bitkom Research zufolge nimmt die Wahrscheinlichkeit, KI einzusetzen, mit der Unternehmensgröße zu. Je größer also das Unternehmen, desto häufiger setzt es auf die Technologie. Doch wie sieht es mit kleinen bis mittelständischen Unternehmen (KMU) aus? 

Wir haben zum Thema “KI für KMU” Interviews mit sechs Experten aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz sowie dem Personalmanagement geführt, um herauszufinden, welche Trends und Potenziale sie für KMU beim Einsatz von KI-Software in den kommenden Jahren sehen, mit welchen Herausforderungen Unternehmen konfrontiert sind und wie KI Unternehmen auch in Krisenzeiten erfolgreich dabei unterstützen kann, geschäftsfähig zu bleiben.

Was ist Künstliche Intelligenz?
Gartner zufolge (Link in Englisch) wendet Künstliche Intelligenz (KI) fortschrittliche Analyse- und logikbasierte Techniken an, einschließlich maschinellen Lernens, um Ereignisse zu interpretieren, Entscheidungen zu unterstützen und zu automatisieren sowie auf deren Grundlage Initiativen umzusetzen. Mit anderen Worten: Mit KI sollen menschliches Lernen und Denken auf Computer übertragen werden mit dem Ziel, dass die Maschine eigenständig Probleme lösen kann, ohne für jeden Zweck programmiert werden zu müssen.

Welche KI Trends zeichnen sich für die nächsten Jahre ab?

Hybride KI

In der Prognose darüber, welche Trends sich in den nächsten Jahren fortsetzen werden, sind sich unsere Experten größtenteils einig. Hybride KI-Systeme, welche wissensbasierte KI (Link in Englisch) und maschinelles Lernen miteinander vereinen, ist zum Beispiel ein oft verwendetes Schlagwort für eine nächste zu erwartende Entwicklungsstufe der KI. Führende Forschungsinstitute wie das Frauenhofer Institut arbeiten derzeit an Projekten auf Basis solcher hybrider Systeme. Das Projekt MAGNETO zum Beispiel soll den Strafverfolgungsbehörden bei der Verbrechensbekämpfung helfen, indem es riesige Datenmengen analysiert und KI einsetzt, um verborgene Beziehungen und Trends aufzudecken.

Zitat von Stefan Wess zum Thema "KI für KMU"

Digitale Zwillinge

Der Trend des Digitalen Zwillings (Digital Twin), also das virtuelle Abbilden einer realen Maschine, Produktionsanlage oder einem Fahrzeug, soll in den nächsten Jahren ebenfalls an Fahrt aufnehmen. “Digitale Zwillinge erfassen über den gesamten Produktlebenszyklus hinweg spezifische Objekteigenschaften, Zustände oder Verhaltensweisen und speichern diese im digitalen Produktgedächtnis,” erklärt Johannes Winter, Managing Director Lernende Systeme – Germany’s AI Platform. Ihre Aufgabe sei es, die Leistung einer Maschine oder eines Produktionsprozesses zu identifizieren, modellbasiert vorherzusagen und permanent zu optimieren. 

Personalmanagement und KI

Was das Personalmanagement betrifft, gibt es ebenfalls Schnittmengen mit KI. “Die Blockchain-Technologie beschäftigt bereits viele HR-Tech-Unternehmen. Ich denke, dass hier in Zukunft in Kombination mit KI ganz neue Möglichkeiten entstehen, wenn man zum Beispiel auf den Recruiting-Prozess und -ablauf schaut. Aber erstmal müssen in den Unternehmen dringend die Basics in Sachen Datenqualität geschaffen werden. Ohne grundlegende Datenbasis hilft auch kein hybrides Vorgehen”, mahnt Eva Stock, Head of Business Relations Jobufo GmbH.

Recruitment Software (oder Recruiting Software) unterstützt Unternehmen durch die Verwaltung einer Datenbank mit Bewerber- und Jobinformationen. Mithilfe dieser Tools kannst du Bewerberinformationen sammeln, die Fähigkeiten der Kandidaten anhand von Stellenanforderungen filtern, analysieren und bewerten.

Ein weiterer Trend bezieht sich auf biografische Merkmale von Bewerbern. Joachim Diercks, Gründer & Managing Director bei CYQUEST GmbH, geht davon aus, dass die Bedeutung davon, welche Rollen ein Bewerber in der Vergangenheit ausgefüllt hat, in Zukunft weiter abnehmen wird. Stattdessen werde die Bedeutung von Potenzial und Passung zunehmen. “Potential ist ja nicht, was jemand kann, sondern was jemand ‘können kann’”, so Diercks. “Es geht also darum, Lösungen für Probleme zu finden, die man bislang noch nicht kannte UND hierfür auch motiviert genug zu sein.”

Viele Unternehmen nutzen bereits KI, ohne es zu wissen. “Viele am Markt verfügbaren Softwareprodukte – egal ob Spam-Filter, Bewerbermanagement- oder CRM-System (Customer-Relationship-Management) – enthalten KI-gestützte Komponenten. Dieser Trend wird sich fortsetzen,” so Robert Heinecke, CEO Breeze Technologies UG.

Wo liegen die größten Potenziale der KI für Mittelständler? 

KI kann in nahezu jeder Branche eingesetzt werden. Johannes Winter sieht in KI vor allem eine Chance für erhöhte Wettbewerbsfähigkeit und Zukunftssicherheit für Mittelständler: “Mit KI lassen sich Geschäftsprozesse, Produkte und Services verbessern und ganz neue Leistungsversprechen kreieren. Die Einsatzfelder reichen von intelligenten Assistenzsystemen in der Verwaltung und KI-unterstützter Simulation in der Produktentwicklung, über vorausschauende Wartung und kollaborative Robotik in der Produktion bis zur automatisierten Lagerhaltung und intelligenten Chatbots im Kundenmanagement.”

Zitat von Stefan Wess zum Thema "KI für KMU"

KI fördert kreative und innovative Arbeitskultur in KMU

Der Mensch ist und bleibt voraussichtlich die wertvollste Ressource für Unternehmen. KI KI kann in Bereichen wie dem Lernmanagement einen wertvollen Beitrag leisten und somit die Mitarbeiterentwicklung- und bindung begünstigen.

Zitat Stefan Scheller

Diercks sieht ebenfalls die Vorteile in der Interaktion von Mensch und Maschine. “KI kann ermüdungsfrei und rund um die Uhr große und vor allem unstrukturierte Datenmengen auf Muster und Zusammenhänge abklopfen und dabei vor allem ‘hypothesengenerierend’ wirken,” erläutert er. “Der Mensch kann daraus dann Schlüsse ziehen und gegebenenfalls Maßnahmen ableiten. Wenn eine KI beispielsweise erkennt, dass Mitarbeiter, die eine Arbeitswoche von 28 bis 32 Stunden haben, gute Resultate erzielen, dann könnte dies ein Indiz dafür sein, dass eine Viertagewoche leistungssteigernd wirkt.”

Zitat Eva Stock

Welche Herausforderungen gibt es für KMU beim Einsatz von KI?

Während viele deutsche Großunternehmen KI bereits erfolgreich umsetzen, weil ihnen größere Ressourcen zur Verfügung stehen, sehen sich kleine und mittelständische Unternehmen oftmals mit erheblichen Herausforderungen konfrontiert, seien es hohe Kosten, mangelndes Know how oder eine fehlende KI-Strategie.

Eine zusätzliche Hürde besteht darin, dass KMU ihre Prozesse und Produktion oft noch nicht digitalisiert haben. Damit fehlten häufig die notwendigen Datengrundlagen, auf denen KI-Systeme ansetzen können. Auch die Qualität und Aufbereitung der Daten ist oft unzureichend, so Johannes Winter. “Für einen erfolgreichen Einstieg in die KI-Transformation können deshalb KI-as-a-Service-Angebote eine sinnvolle Alternative sein. Hierbei werden fertige KI-Lösungen von externen Anbietern eingekauft und auf die konkrete Anwendung zugeschnitten.” 

Zitat Johannes Winter

Künstliche Intelligenz und Diversity & Inklusion

Die Programmierung von Software unterliegt in der Regel immer noch einem typisch menschlichen Bias und kann damit zum Beispiel Inklusion und Vielfalt in Unternehmen entgegenwirken. 

Eva Stock erklärt: “Jede künstliche Intelligenz kann nur so intelligent werden, wie sie mit Daten und Mustern gefüttert wird. Wenn ich ihr beispielsweise beibringe, dass Menschen mit blauen Augen schlecht für das Unternehmen sind, weil die letzten fünf Kündigungen ausgerechnet an Mitarbeiter mit blauer Augenfarbe ausgesprochen wurden, dann klingt das für eine Künstliche Intelligenz erstmal logisch. Wenn ihr das nicht anders beigebracht wurde bzw. der Trugschluss nicht korrigiert wird. So setzt sich diskriminierendes Verhalten einfach fort, ohne dass es jemand bemerkt.”

Stefan Scheller, von Persoblogger.de knüpft ergänzend an: “Ein weiterer Punkt ist die Frage nach den Daten, mit denen die KI trainiert wurde. Wie ‘inklusiv’ sind diese? Denn eine künstliche Intelligenz, die schon aufgrund einer selektiv falsch getroffenen Auswahl an Grundinformationen unzureichend bestückt wurde, verfestigt Diskriminierung sogar noch.”

Zitat Joachim Diercks

Angst vor Veränderung: Ersetzt KI Mitarbeiter?

Von der Sorge, dass Künstliche Intelligenz menschliche Arbeitskräfte überflüssig machen kann, hört und liest man häufig. Insbesondere dystopische Bücher und Filme greifen diese Idee gern auf und beschwören düstere Zukunftsszenarien herauf. Laut unserer Experten ist jedoch das Gegenteil der Fall. Statt Mitarbeiter mittels KI zu ersetzen verschieben sich vielmehr ihre Aufgabenbereiche und Kompetenzen. 

Zitat Johannes Winter

Es ist voraussehbar, dass Veränderungen dieser Größenordnung bei Mitarbeitern schnell zu Verunsicherung führen können. Johannes Winter setzt deshalb auf ein transparentes Change Management, das die Beschäftigten und ihre Interessensvertretungen von Beginn an in die Einführung von KI-Systemen einbindet. Dazu gehören neben einer frühzeitigen Qualifizierung der Beschäftigten auch transparente Vereinbarungen zur Arbeitsteilung zwischen Mensch und KI-Systemen sowie zu förderlichen Arbeitsbedingungen. Besonders der Umgang mit den durch die KI-Systeme verwendeten personenbezogenen Daten muss geregelt werden, um Sorgen der Beschäftigten zu begegnen, ihre Daten könnten etwa zur Leistungskontrolle herangezogen werden. 

Zitat Robert Heinecke

Kann KI auch in Krisenzeiten dazu beitragen, die Geschäftskontinuität zu sichern?

Die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie sind in Unternehmen weltweit immer noch spürbar. Viele KMU sind zum Beispiel von Ausfällen in den Lieferketten betroffen (Link in Englisch). Gleichzeitig hat die Krise deutlich die Relevanz für eine stärkere Digitalisierung der Supply Chain zutage gefördert und den Boden für weitere Automatisierung sowie den Einsatz von Künstlicher Intelligenz bereitet.

Die Notwendigkeit, auch in Krisenzeiten im regionalen und globalen Wettbewerb zu bestehen, sei ein weiterer Treiber von KI in kleinen und mittelständischen Unternehmen.

Johannes Winter: “Die Einführung von KI-Tools in Unternehmen ist wichtig, um sich für künftige Krisen zu wappnen und wettbewerbsfähig zu bleiben. Unser Augenmerk sollte insbesondere auf sicherheitskritischen Anwendungen liegen. Gerade in globalen Lieferketten, in der Gesundheitsversorgung oder bei kritischen Infrastrukturen kommt es auf eine hohe Zuverlässigkeit, Sicherheit und Resilienz der Systeme an. Automatisierungs- und KI-Technologien sind grundlegend, um diese Anforderungen im digitalen Zeitalter zu erfüllen. 

Unsere Bilanz: Digitalisierung ist ein Muss als Voraussetzung für KI

Der Einsatz von KI in Unternehmen birgt sowohl große Potenziale als auch nicht zu unterschätzende Herausforderungen. 

Trotz der Fortschritte beim maschinellen Lernen sind wissensbasierte Systeme noch immer nicht so weit, dass sie wie ein Mensch “denken” können. Da Entscheidungen auf der Grundlage logischer Bedingungen und Behauptungen getroffen werden, sind KI-Systeme unflexibel und häufig mit menschlichem Bias belastet.

Allerdings: In einer immer mehr digital werdenden Welt spielt KI eine zunehmend größere Rolle in der Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen.

Automatisierte Prozesse reduzieren den Ressourcenverbrauch und entlasten Mitarbeiter von zeitintensiven Routineaufgaben. Zudem sind der Belastbarkeit einer Maschine kaum Grenzen gesetzt. Sie kann 24/7 Leistung erbringen und ist nicht an Zeitzonen, Arbeitswochen oder Feiertage gebunden. 

Zuerst müssen in zahlreichen KMU jedoch die Grundlagen für eine erfolgreiche Verwendung der KI gelegt werden. Die Digitalisierung von Arbeitsabläufen im ersten Schritt ist unabdingbar für die Schaffung von Datensätzen, auf deren Basis die KI agieren kann und stellt die erste zu nehmende Hürde für viele Mittelständler dar.

Wie geht es weiter? Wirf einen Blick auf unser KI-Software-Verzeichnis, um das passende Tool zu finden.

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Über den Autor oder die Autorin

Content Analyst für GetApp und SoftwareAdvice. Absolventin der HHU Düsseldorf, wohnhaft in Barcelona. Am Wochenende findet man mich meistens am Strand oder beim Brunch.

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